von Johanes E. S. Wato
Für die indigenen Knasaimos in Süd-Sorong ist der Wald keine Ressource, sondern Mutter, Lebensgrundlage und spirituelle Heimat. Als Ölpalmen-Konzessionen und staatliche Entwicklungsprojekte begannen, ihr angestammtes Land zu bedrohen, reagierten sie nicht mit Gewalt. Stattdessen öffneten sie ihren Wald für Besucher*innen. Durch gemeinschaftsbasierten Ökotourismus, der auf indigenem Wissen, heiligen Landschaften und von Frauen getragenen Praktiken beruht, verwandelten die Knasaimos ihren Alltag in politischen Widerstand und verbanden ihren lokalen Kampf in Südwest-Papua mit globalen Prinzipien wie dem Free, Prior and Informed Consent (FPIC).
Der Wald ist unsere Mutter
„Wenn der Wald verschwindet, verschwinden wir mit ihm“, sagen die Ältesten der Knasaimos-Gemeinschaft in Süd-Sorong, Südwest-Papua. Für die indigene Gruppe ist der Wald weit mehr als eine wirtschaftliche Ressource. Er ist Mutter, Lebensgrundlage und spirituelle Heimat zugleich. Sagowälder sichern die Ernährung der Familien, Flüsse strukturieren soziale Beziehungen und Rituale, während heilige Orte die Verbindung zu den Vorfahren bewahren. Dieses Verständnis prägt bis heute die Art und Weise, wie die Gemeinschaft ihr angestammtes Territorium schützt und verwaltet.
In den vergangenen Jahren geriet diese Lebensweise zunehmend unter Druck. Die Expansion von Ölpalmenplantagen in Südwest-Papua sowie verschiedene staatliche Entwicklungsprogramme bedrohten traditionelle Landnutzungsgebiete. Konzessionen wurden teilweise ohne umfassende Beteiligung der betroffenen Gemeinschaften vergeben und überlagerten Sagowälder, Jagdgebiete und kulturell bedeutsame Orte. Für die Knasaimos stellte sich daher nicht nur die Frage nach dem Schutz des Waldes, sondern auch nach dem Erhalt ihrer kulturellen Identität und politischen Selbstbestimmung.
Indigenes Wissen als politisches Handeln
Die Antwort der Knasaimos auf diese Herausforderungen war bemerkenswert. Anstatt Kultur und Politik voneinander zu trennen, machten sie ihre indigenen Wissenssysteme selbst zum Instrument des Widerstands. Gemeinsam kartierten sie ihr traditionelles Territorium, dokumentierten heilige Orte, identifizierten traditionelle Nutzungszonen und formulierten Regeln für Jagd, Fischfang und Waldnutzung.
Diese Karten dienten nicht nur der internen Orientierung. Sie wurden zu politischen Dokumenten, die ihren Anspruch auf ihr angestammtes Land gegenüber staatlichen Behörden, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen sichtbar machten. Kartierung wurde damit zu einem Akt indigener Selbstbehauptung.
Eine zentrale Rolle spielen dabei die Frauen der Gemeinschaft. Sie verwalten das Wissen über den Anbau und die Verarbeitung von Sago, organisieren die Weitergabe ökologischer Kenntnisse an jüngere Generationen und tragen wesentlich zur Ernährungssicherheit der Gemeinschaft bei. Ihre Arbeit verbindet ökologische Nachhaltigkeit mit sozialem Zusammenhalt und bildet eine wichtige Grundlage für den Schutz des Waldes.
Ökotourismus als Form des Widerstands
Der sichtbarste Ausdruck dieser Strategie ist die Entwicklung des gemeinschaftsbasierten Ökotourismus rund um den Kali Biru Klaogin, den sogenannten „Blauen Fluss“. Was zunächst als lokales Schutzprojekt begann, entwickelte sich schrittweise zu einem alternativen Entwicklungsmodell.
Besucher*innen werden nicht als Konsumenten betrachtet, sondern als Gäste und Zeugen einer lebendigen indigenen Kulturlandschaft. Lokale Guides führen sie durch Sagowälder, erklären traditionelle Praktiken und vermitteln die Bedeutung heiliger Orte. Gemeinschaftsbasierte Homestays, traditionelle Speisen und lokale Handwerksprodukte schaffen zusätzliche Einkommensmöglichkeiten.
Für die Knasaimos besitzt der Ökotourismus jedoch eine weit größere Bedeutung als die bloße Generierung von Einkommen. Jede Besuchergruppe stärkt die öffentliche Sichtbarkeit ihres Territoriums. Forschende, Journalist*innen, Aktivist*innen und Reisende dokumentieren die kulturelle und ökologische Bedeutung des Gebietes und tragen dazu bei, die Legitimität indigener Landansprüche national und international zu stärken.
Der Wald wird dadurch nicht nur geschützt, sondern zugleich politisch sichtbar gemacht.
Von lokaler Anerkennung zu globaler Legitimität
Ein bedeutender Erfolg wurde im Juni 2024 erreicht, als der Bupati (Distriktvorsteher) von Süd-Sorong offiziell 97.441 Hektar des angestammten Territoriums der Knasaimos anerkannte. Für die Gemeinschaft war dies keine großzügige staatliche Geste, sondern das Ergebnis jahrelanger Mobilisierung, Dokumentation und politischer Verhandlungen.
Dennoch betrachten die Knasaimos diese Anerkennung lediglich als einen Zwischenschritt. Ihr Kampf ist zunehmend mit internationalen Debatten über indigene Rechte verbunden. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Prinzip des Free, Prior and Informed Consent (FPIC), das in der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker verankert ist. FPIC garantiert das Recht indigener Gemeinschaften, vor der Umsetzung von Projekten auf ihrem Land frei und umfassend informiert zu werden und ihre Zustimmung zu geben oder zu verweigern.
Vertreter*innen indigener Organisationen aus Papua beteiligen sich zudem regelmäßig an internationalen Netzwerken und Foren wie dem United Nations Permanent Forum on Indigenous Issues (UNPFII). Über solche Verbindungen werden lokale Konflikte in globale Debatten eingebracht und internationale Aufmerksamkeit auf Landrechtsfragen in Papua gelenkt.
Diese internationalen Beziehungen stärken nicht nur die politische Legitimität der Knasaimos, sondern schaffen zugleich zusätzlichen Schutz gegenüber externen wirtschaftlichen Interessen.
Herausforderungen bleiben bestehen
Trotz dieser Erfolge steht die Gemeinschaft weiterhin erheblichen Herausforderungen gegenüber.
Zum einen übt die Expansion von Ölpalmenkonzessionen in benachbarten Gebieten weiterhin Druck auf die Grenzen des traditionellen Territoriums aus. Zum anderen existieren innerhalb der Gemeinschaft teilweise noch Diskussionen über die genaue Abgrenzung einzelner Clan-Gebiete und die Verteilung potenzieller Einnahmen aus touristischen Aktivitäten.
Hinzu kommen infrastrukturelle Probleme. Viele touristische Standorte verfügen über keine stabile Stromversorgung, eingeschränkte Mobilfunknetze und begrenzte Transportmöglichkeiten. Die lokalen Tourismusgruppen verfügen nur über geringe finanzielle Ressourcen, um Unterkünfte, Sicherheitsausrüstung oder Marketingmaßnahmen weiterzuentwickeln.
Besonders problematisch bleibt zudem die Diskrepanz zwischen lokaler und nationaler Anerkennung. Obwohl die Gemeinschaft bereits über eine offizielle Anerkennung ihres Territoriums auf Distriktebene verfügt, steht die endgültige Anerkennung als „Hutan Adat“ durch die nationale Regierung weiterhin aus. Diese bürokratische Verzögerung schafft rechtliche Unsicherheiten, die von externen Akteuren potenziell ausgenutzt werden können.
Ökotourismus als friedlicher Widerstand
Das Beispiel der Knasaimos zeigt eindrucksvoll, dass Ökotourismus weit mehr sein kann als ein Instrument lokaler Wirtschaftsförderung. In ihrem Fall ist er zu einer Form friedlichen politischen Widerstands geworden.
Durch die Verbindung von indigener Wissensproduktion, territorialer Selbstverwaltung und international anerkannten Rechten schaffen die Knasaimos neue Wege, um ihr Land zu schützen, ohne ihre kulturellen Werte aufzugeben. Ihr Beispiel verdeutlicht, dass indigene Gemeinschaften nicht nur Opfer externer Entwicklungsprojekte sind, sondern aktiv eigene Zukunftsmodelle entwerfen können.
Wenn der Wald durch seine Menschen spricht, zeigt sich Widerstand nicht durch Konfrontation, sondern durch die Beharrlichkeit, Kultur, Land und Gemeinschaft zu bewahren.
Über den Autor
Johanes Eliezer Samsong Wato ist Doktorand an der Bonn International Graduate School for Development Research (BIGS-DR/BIGS-OAS), Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen politische Ökologie, indigene Institutionen, Umweltgovernance, extraktive Industrien und indigene Rechte in Papua, Indonesien. Als papuanischer Wissenschaftler verbindet er ethnographische Feldforschung mit interdisziplinären Ansätzen, um zu untersuchen, wie indigene Gemeinschaften Landrechte, Ressourcen und Entwicklung in extraktiven Grenzräumen verhandeln.
