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Westpapua ist kein leeres Land – Wie „grüne“ Energie zur ökologischen und sozialen Krise wird

Eine der letzten intakten Naturlandschaften unter massivem Druck

Westpapua gehört zu den letzten großflächig intakten Naturregionen Südostasiens. Tieflandregenwälder, Savannen und Feuchtgebiete bilden nicht nur einen global bedeutsamen Klimapuffer, sondern sind seit Generationen Lebensgrundlage indigener Gemeinschaften. Genau diese Landschaften geraten nun massiv unter Druck – im Namen nationaler Entwicklungs- und Energiepolitik.

Das Merauke-Zuckerrohrprojekt und die Illusion „grüner“ Energie

Im Zentrum steht das Merauke-Zuckerrohrprojekt, ein vom Ministerium betreutes Nationales Strategisches Projekt (PSN), eines der größten Agrarprojekte Indonesiens. Nach Recherchen von Greenpeace Indonesia sollen im Süden Westpapuas rund 560.000 Hektar Land für industrielle Zuckerrohrplantagen erschlossen werden – eine Fläche von der Größe Balis. Etwa drei Viertel des Gebiets bestehen aus natürlichen Wäldern, hinzu kommen ausgedehnte Feuchtgebiete und seltene Savannenökosysteme. Greenpeace bezeichnet das Projekt als das derzeit größte Entwaldungsvorhaben weltweit, mit dem Potenzial, katastrophale Schäden an zentralen Ökosystemen der südlichen Tieflandregion Westpapuas zu verursachen.

Die ökologischen Folgen wären gravierend. Laut Greenpeace-Berechnungen könnten durch die Umwandlung der natürlichen Vegetation CO₂-Emissionen von bis zu 221 Millionen Tonnen freigesetzt werden. Damit würde ein Projekt, das offiziell als Beitrag zu erneuerbarer Energie und Klimaschutz beworben wird, die Klimakrise weiter verschärfen. Bioethanol aus Zuckerrohr oder Biodiesel aus Palmöl erweisen sich hier als Scheinlösungen, deren tatsächliche Klimabilanz die Emissionen aus Landnutzungsänderungen systematisch ausblendet.

Staatliche Entwicklungslogik und koloniale Denkweisen

Politisch wird der Kurs von Präsident Prabowo Subianto vorangetrieben. In öffentlichen Stellungnahmen erklärte er, Papua müsse stärker mit Ölpalmen, Zuckerrohr und Maniok „bepflanzt“ werden, um Indonesiens Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren. Diese Wortwahl steht sinnbildlich für eine Politik, die Papua als verfügbaren Raum für nationale Interessen betrachtet. Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen kritisieren diesen Ansatz als Ausdruck einer kolonialen „terra-nullius“-Logik, die bestehende soziale, kulturelle und ökologische Realitäten ignoriert und Biodiversität und indigene Lebensräume gegen Biokraftstoffe eintauscht.

Indigene Lebensgrundlagen in Gefahr – Militarisierung statt Sicherheit

Besonders dramatisch sind die Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften wie die Marind, Yei Nan und Muyu. Für sie bedeuten Wälder und Flüsse Nahrungssicherheit, kulturelle Identität und Freiheit. Nach Angaben von Greenpeace Indonesia sowie der Umweltorganisation Pusaka werden Landrechte systematisch untergraben. Das international anerkannte Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (FPIC) werde vielfach umgangen oder auf formale Unterschriften reduziert.

Der Fall des Kwipalo-Clans im Merauke-Gebiet verdeutlicht diese Praxis. Clanmitglieder berichten von massivem Druck durch Unternehmen, die im Namen des staatlichen Programms für Nahrungs- und Energieselbstversorgung agieren – oft als Nationales Strategisches Projekt (PSN) ausgewiesen. Gleichzeitig entstehen Konflikte zwischen indigenen Gruppen, da Landfreigaben einzelne Gemeinschaften gegeneinander ausspielen. Ähnliche Berichte liegen aus Muyu- und Marind-Gebieten vor, wo Dorfbewohner von Einschüchterung, fortlaufender Belästigung und drohender Vertreibung sprechen.

Diese Entwicklung wird durch eine zunehmende Militarisierung begleitet. Präsident Prabowo Subianto stellt diese Vorhaben als Stärkung der nationalen Widerstandsfähigkeit dar und legitimiert damit eine massive militärische Beteiligung. In Merauke wurde ein neues regionales Militärkommando eingerichtet, mehrere tausend Soldaten sind stationiert. Laut Greenpeace und lokalen Beobachter*innen unterstützen Sicherheitskräfte Unternehmen bei der Durchsetzung von Konzessionen – etwa durch Präsenz bei Verhandlungen oder innerhalb von Projektgebieten. Für viele indigene Papua, die eine lange Geschichte militärischer Gewalt erlebt haben, bedeutet diese Präsenz Angst statt Schutz. Diese Projekte fordern daher weder die Ernährungssicherheit noch stärken sie die politische Sicherheit in Westpapua.

Lehren aus Sumatra, alternative Vorstellungen von Entwicklung

Besonders alarmierend ist der zeitliche Kontext. Während Teile Sumatras zuletzt von einer schweren ökologischen Katastrophe heimgesucht wurden – mit über tausend Todesopfern infolge von Überschwemmungen und Umweltzerstörung –, setzt die Regierung weiterhin auf genau jenes Entwicklungsmodell, das solche Krisen begünstigt hat. Aktivist*innen weisen darauf hin, dass massive Entwaldung durch Palmölplantagen eine der Hauptursachen der Katastrophe in Sumatra war. Umweltorganisationen warnen, dass Westpapua bei Fortsetzung dieser Politik ein ähnliches Schicksal drohe. In Merauke hat ein seit fast zwei Jahren laufendes Projekt zur Ernährungssicherung bereits mehr als 22.680 Hektar natürlichen Wald zerstört und soziale Konflikte sowie Überschwemmungen ausgelöst. Greenpeace bezeichnet die Behauptung, palmölbasierte Bioenergie sei eine Lösung für die Klimakrise, als „politische Illusion“. Eigene Untersuchungen zeigten, dass die Ausweitung von Palmölplantagen in Wirklichkeit eine der Hauptursachen für Entwaldung und steigende CO₂-Emissionen sei.

Für indigene Gemeinschaften steht dabei weit mehr auf dem Spiel als Naturschutz im engeren Sinne. Ernährungssicherheit bedeutet für sie nicht industrielle Monokultur, sondern den freien Zugang zu vielfältigen Landschaften. Eine Marind-Frau brachte es gegenüber der Umweltanthropologin Sophie Chao auf den Punkt: „Freie Wesen bringen freie Nahrung hervor. Waldnahrung schmeckt nach Freiheit. Und nichts schmeckt so gut wie Freiheit.“ Dieses Verständnis von Wohlstand und Sicherheit steht im scharfen Gegensatz zur staatlichen Entwicklungslogik.

Widerstand und globale Bedeutung

Der Widerstand wächst. Proteste in Merauke und Jakarta, getragen von papuanischen Jugendlichen, Indigenen und Organisationen wie Greenpeace Indonesia und Pusaka, machen deutlich, dass die betroffenen Gemeinschaften nicht bereit sind, ihre Lebensgrundlagen kampflos aufzugeben. Der Slogan „Papua bukan tanah kosong“ – Papua ist kein leeres Land fasst ihre Forderung zusammen: Entwicklung darf nicht auf Enteignung, Militarisierung und ökologischer Zerstörung beruhen.

Westpapua steht damit exemplarisch für eine globale Frage: Wird Klimapolitik weiter als technokratisches Großprojekt gedacht – oder als sozial gerechter Prozess, der indigene Rechte, Biodiversität und langfristige ökologische Stabilität ins Zentrum stellt? Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über die Zukunft Westpapuas, sondern über die Glaubwürdigkeit von „grüner“ Entwicklung insgesamt.