Todesopfer und Verletzte
Zwischen dem 13. und 15. April 2026 kam es in der Region Puncak, Provinz Zentral-Papua, erneut zu schweren Gewaltereignissen, die zahlreiche Todesopfer und Verletzte forderten und die massive humanitäre Krise in Westpapua weiter verstärken. In Puncak führten indonesische Sicherheitskräfte großangelegte militärische Boden- und Luftoperationen gegen bewaffnete papuanische Unabhängigkeitsgruppen der TPNPB/OPM durch. Die Einsätze konzentrierten sich unter anderem auf Guamo im Distrikt Pogoma sowie auf mehrere Dörfer und Siedlungen für Binnenvertriebene im Distrikt Kembru, darunter Gininggame, Makuma, Kemburu, Abui, Belabaha, Molu und Nilime.
Nach Angaben von Menschenrechtsverteidiger*innen und lokalen Organisationen begannen die Operationen am frühen Morgen des 13. April mit einem massiven Militäreinsatz unter Beteiligung von mindestens sechs Helikoptern, einem Kampfflugzeug, einem Militärtransportflugzeug, Drohnen sowie Bodentruppen. Die Angriffe dauerten über mehrere Tage an. Zeug*innen berichteten, dass Sicherheitskräfte Granaten in Häuser geworfen und wahllos auf Dörfer und Flüchtlingssiedlungen geschossen hätten. Berichten zufolge kamen dabei mindestens zehn bis fünfzehn Zivilist*innen ums Leben, darunter Frauen, Kinder, ältere Menschen und ein ungeborenes Kind. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt.
Angriffe auf Binnenvertriebene
Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass auch Siedlungen von Binnenvertriebenen angegriffen wurden, die zuvor nach Absprachen zwischen lokalen Gemeinschaften, Kirchen, Regierungsvertreter*innen, Sicherheitskräften und der TPNPB eigentlich als Schutzorte für Zivilist*innen vorgesehen waren. Überlebende berichteten, dass Dörfer sowohl aus der Luft als auch vom Boden aus angegriffen worden seien. Eine schwangere Frau, die schwer verletzt wurde und im Krankenhaus behandelt werden musste, erklärte, Soldaten hätten ihr Dorf mit Helikoptern, Drohnen, Granaten und Schusswaffen attackiert. Andere Zeug*innen berichteten, Sicherheitskräfte hätten nach den Angriffen sogar Fotos mit den Opfern gemacht.
Widersprüchliche Darstellungen
Diese Aussagen stehen im starken Widerspruch zur Darstellung des indonesischen Militärs. Die Sicherheitskräfte erklärten öffentlich, die Gewalt gegen Zivilist*innen sei von bewaffneten papuanischen Gruppen ausgegangen und nicht vom Militär verursacht worden. Erste Untersuchungen u.a. der indonesischen Menschenrechtskommission Komnas HAM sowie Berichte der Papua-Volksversammlung deuteten jedoch darauf hin, dass staatliche Sicherheitskräfte die Angriffe verübt haben. Komnas HAM bestätigte öffentlich mindestens zwölf zivile Todesopfer, darunter Frauen und Kinder, sowie zahlreiche Schwerverletzte. Auch der Gouverneur von Zentralpapua verwies auf entsprechende Informationen, betonte jedoch, dass die Datenerhebung aufgrund der unsicheren Lage und der Flucht vieler Bewohner*innen noch unvollständig sei.
Unzureichende Hilfe
Die militärischen Operationen lösten eine massive Fluchtbewegung aus. Aus nahezu allen Distrikten der Region Puncak flohen Menschen in Wälder oder benachbarte Städte und Regionen. Viele der Vertriebenen leben dort unter äußerst schwierigen Bedingungen ohne ausreichenden Zugang zu Nahrung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Schutz. Das Indonesische Rote Kreuz bestätigte die schwierige Lage und berichtete von großen Problemen bei der Evakuierung von Verletzten und dem Zugang zu betroffenen Dörfern. Aufgrund fehlender Infrastruktur, bewaffneter Auseinandersetzungen und blockierter Zugangswege konnten Hilfsmaßnahmen nur eingeschränkt durchgeführt werden.
Kirchenvertreter*innen, Menschenrechtsorganisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen kritisierten die anhaltende Gewalt scharf. Sie warfen sowohl bewaffneten Gruppen als auch staatlichen Sicherheitskräften vor, die Zivilbevölkerung zu gefährden. Westpapua sei inzwischen eine militärische und humanitäre Krisenregion. Besonders die Ereignisse in Puncak gelten als möglicher schwerwiegender Menschenrechtsverstoß durch staatliche Sicherheitskräfte und werfen grundlegende Fragen zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Verantwortung des indonesischen Staates auf.
Was muss sich ändern?
Gefordert werden weiterhin unabhängige und transparente Untersuchungen unter Beteiligung von Menschenrechtsorganisationen, Kirchen, lokalen Gemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen. Auch die Medien sollten bei der Berichterstattung aktueller Ereignisse die Vergangenheit Westpapuas nicht ausgeklammert lassen und sich darum bemühen, über Tatsachen zu berichten, diese jedoch auch geschichtlich und gesamtpolitisch einzuordnen.
Zudem verlangen viele Organisationen humanitäre Korridore für die Versorgung der Vertriebenen sowie einen sofortigen Stopp militärischer Offensivoperationen in bewohnten Gebieten. Zivilist*innen müssen geschützt und nicht zu Opfern werden.
Langfristig braucht Westpapua einen politischen Dialog – auch unter Beteiligung bzw. diplomatischer Steuerung internationaler Akteur*innen, die Aufarbeitung historischer Ungerechtigkeiten, mehr Schutz indigener Gemeinschaften und eine wirtschaftliche Entwicklung, die sich stärker an den Bedürfnissen der papuanischen Bevölkerung orientiert. Ohne Wahrheit, Gerechtigkeit und den Schutz der Zivilbevölkerung wird die Gewaltspirale in Westpapua weiter anhalten.
